Schikara

Einstmals gab es in Schikara zahlreiche Tempel aus sehr verschiedenen Kulturen, denn Schikara hat eine bewegte Vergangenheit. Aus dieser prachtvollen Zeit bleiben heute vor allem Ruinen, die nun einen düsteren, morbiden Charme ausstrahlen.
Seit einiger Zeit jedoch hat sich eine Tradition gebildet, die Vir Silva aus gutem Grund fördert. Jeden Sommer, wenn die Sonne am hellsten strahlt, lädt Schikara ein, die alten Ruinen zu beleben. Jedes Volk, jeder Glauben, kann seinen Gott, seine Heiligen, oder seine Form der spirituellen Kontemplation nach Schikara bringen und in einem der ehemaligen Anlagen ansiedeln. Oder dazwischen. Sei es ein prachtvoller Tempel, ein kleiner Schrein oder ein umherziehender Bettelmönch. Eine bescheidene Stele, eine Halle der Stille für Meditation oder ein ausgelassenes Tanzritual zu Ehren einer Fruchtbarkeitsgöttin. Es hat bereits ein heiliges Baumtor, eine Höhle mit Wandmalerei und eine Prozession der Lahmen gegeben.
Jedes Jahr aufs Neue beginnt ein Abenteuer für die Schikari und ihre Gäste, denn es gibt immer etwas Neues, immer etwas Aufregendes. Aus diesem Anlass putzen die Bewohner ihre Stadt auf bestmögliche Weise heraus. Natürlich können sie die Ruinen nicht beseitigen. Mit genügend fröhlichem Schmuck aber lässt sich der Blick ablenken von den maroden Mauerresten und Gruben. So schweift er zur Zeit des

Tempelfestes über unzählige munter im Wind flatternde Wimpelketten, die sich in langen Bändern über die Straßen ziehen. Und als ob der Golgoloch sich neugierig den zahlreichen Gästen mit ihren Träumen und Absichten zuwenden möchte, ist er in dieser Zeit gegenwärtiger als sonst. Die Menschen entdecken jetzt so manches frische Grün zwischen den Steinen, obwohl der Frühling längst in den Hochsommer übergegangen ist.

Dieses Jahr soll alles prächtiger, bunter, größer werden, denn Lysander selbst hat die Schirmherrschaft übernommen. Nicht nur die junge Raduna und ihre beste Freundin Samita sind erwartungsvoll und aufgeregt. Jede und jeder Schikari, der etwas von sich hält, beginnt bereits jetzt mit den Vorbereitungen. Es wird genäht, gesammelt und gewerkelt.
Es werden alle Kontakte zu den nahen und fernen Völkern aufgefrischt. Selbst die Karagh sind bereit, auf den Traumebenen wandelnd Gäste einzuladen, um Lysander einen würdigen Rahmen für seine Verlobung zu schaffen.
Allerdings gibt zum ersten Mal auch störende Kräfte. Ein Gerücht geht um über den Tod des beliebten Hirtenjungen Gorasch. Er hatte am Rande der Stadt gewohnt, doch war er mit seinem freundlichen und hilfsbereiten Wesen und durch seinen wöchentlichen Verkaufsstand auf dem Markt überaus bekannt in der Stadt. Es war ein offenes Geheimnis gewesen, dass er sich allzu häufig mit der Tochter des wohlhabenden und einflussreichen Ranabarers Korundar traf. Jedermann hätte Raduna und ihm ihr Glück gegönnt, waren sie doch seit Kindertagen so ein hübsches und vertrauliches Paar. Doch wussten alle, wie hoffnungslos dies war.
Umso bestürzter ist jetzt das Raunen, was durch Schikara geht, als Gorasch des morgens leblos in den Gassen Schikaras gefunden wird. Es ist eindeutig ein Mord! Als auch noch bekannt wird, dass Lysander seit einer Handvoll Tagen um Raduna wirbt, wird aus dem Raunen Empörung, wenn auch noch hinter vorgehaltener Hand.
Schleichend ändert sich die Stimmung in der Stadt. Zu dem Gemunkel gesellt sich ein eisiger Hauch, der durch die Straßen weht. Frostig und schaudernd hinterlässt er die Menschen, die er berührt hat. So manches Pferd scheut am helllichten Tag und Kinder beginnen mitten im Spiel zu weinen. Es ist den Leuten so manches Mal, als ob sie einen weißen Schimmer sehen, aus den Augenwinkeln. Doch wenn sie hinschauen, ist es nur ein heller Fetzen Stoff, der im Wind weht. Oder eine ungewöhnlich große Spinnenwebe, die frisch betaut im Morgenlicht glänzt…

Barbara Durchholz
Wuppertal, Oktober 2017

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