Archiv der Kategorie: Tagebuch

Schlaflos in Schikara – Blanke Angst

Eine laue Nacht im letzten Sommer

Hätte jemand, vielleicht auf einem nächtlichen Spaziergang, die traurige, weiße Nebelgestalt bemerkt, die jetzt über einer der zahllosen Tempelruinen von Schikara schwebte, dann wäre er wohl verwundert stehengeblieben. Abgesehen natürlich von der Tatsache, dass in Lesvod Geistererscheinungen ohnehin eher ungewöhnlich sind.
Nein, es war die Art, wie dieser Schemen im diffusen Anderlicht in dem sachten Lufthauch, welcher vom Dschungel herüber wehte, arg taumelte und schaukelte.
Als würde das Gespenst versuchen, diese Sache mit dem Gleichgewicht in den Griff zu kriegen und dabei würdevoll auszusehen. Gorasch fluchte. 


Endloser Ozean, Eine Vollmondnacht im Frühjahr

Eine fahle Nebelbank verbarg die Reste des versunkenen Malarien im Schwarzen Meer vor neugierigen Augen. Nur noch schroffe Felsen künden von einstiger Größe und wo heute, Krallen gleich zackenartige Riffe durch die Widersee stießen, da lag in ihrer Mitte die Festungsinsel Zaah-Buh verborgen.
Auf den Wehrgängen der Anlage befand sich die Besatzung. Zu bloßen Gerippen zerfallen… und still lagen die Höfe und Türme, die Säle und Ställe… nur der Wind heulte durch die verbrochenen Zinnen, welche wie stumpfe Zähne in den Himmel bissen. Und doch stand die Wache in Rüstung auf ihrem Posten. Über ihren Knochen. Gestalten von Nebel und farblosem Dunst. Verflucht hier auszuharren und auf Erlösung zu warten.


Der Festungskommandant hatte sich ausführlich mit seinem Gast besprochen. Eigentlich interessierten ihn solche Mätzchen nicht.  Aber er zollte seinem Gegenüber den höchstmöglichen Respekte und so verkniff er jede freche Bemerkung.
Denn DER REITER DER FINSTERNIS war keinen Deut weniger schrecklich als das fürchterlichste Schreckgespenst aus Zaah-Buh. Gern kam der Namenlose her und machte hier kurz Rast von seinen zerstörerischen Bahnen, die er quer über Magira zog. Und er brachte stets Nachrichten von den Welten mit. Gute wie schlechte.

„Lesvod? Wirklich jetzt?“
„JA, WIRKLICH. HAST DU WEN, DEN DU SCHICKEN KANNST?“
Der Kommandant der verfluchten Burgruine legte den Kopf schief. „Da ist kürzlich mit dem Gespensterschiff so ein Graman angekommen. Schnösel. Aus Klingol. Naiville heisst der.
„KLINGOL? HAST DU KEINEN BESSEREN?“
„Nein, aber immerhin Ranabarer. Sollte sich also auskennen. Er dient derzeit hier als Dekoration in meinen Kerkern. Schätze, der macht alles und wird unserer Sache dienlich sein.“
DER REITER schnaufte hörbar. „NA GUT, ICH NEHME IHN.“


Auf dem zweiten Innenhof hielten fünf Gespenster an mehreren silbrig glänzenden Seilen DAS WILDE PFERD in Schach. Im Licht der Monde konnte man sehen, wie Blut an seinen Seiten hinablief und seine roten Augen waren weit aufgerissen. Wahnsinn spiegelte sich in ihnen.
Als die Wache Naiville auf den Hof führte, wich dieser unwillkürlich zurück. Natürlich konnte er nicht mehr sterben. Aber man hatte ihm hier gezeigt, dass mehr möglich war, als er gedacht hatte.
Gänsehaut und Angst überfiel den toten Graman als DER REITER mit dem Kommandanten an der Seite aus dem Palasgebäude trat. Naiville versuchte hoch und über die Festungsmauer davon zu schweben, was jedoch die Wachsoldaten irgendwie zu verhindern wussten. Und die Insel war eh klein. Es gab keinen Ausweg und Gespenster durften nicht, soviel hatte Naiville auf seiner Reise gelernt, nicht über offenes Wasser, geschweige denn über das Meer wandeln.

Noch bevor her sich versah, saß er hinter DEM REITER. DAS PFERD galoppierte brüllend über den Innenhof. Immer schneller. Dann hoben sie ab und die Festung Zaah-Buh mit ihren vielen Türmen, Vorwerken und Höfen lag plötzlich unter ihnen. Naiville klammerte sich am Sattelzeug fest, was überraschender Weise funktionierte. Er wollte eigentlich gegen den Fahrtwind seine vielen Fragen schreien, aber dann verzichtete er doch darauf. DEN REITER zu belästigen hielt er für keine gute Idee. Egal, Hauptsache fort von Zaah-Buh. Unsicher und voller Bedenken fragte er sich, was wohl seine Aufgabe sein würde.


Tausend Wegstrecken entfernt, in der lesvodischen Hauptstadt Mokosch, wusste aber jemand ganz genau, was seine Aufgabe war.

Daniel de Montfort spuckte auf den Boden der Taverne und sah sein Gegenüber provozierend an. „Das ist zu wenig. Viel zu wenig. Das Doppelte für mich und ein Drittel mehr für meine Kameraden. Wir sind Gespensterjäger und nicht der billige Ranabari.“, knurrte er. Herr Daniel wusste, dass es sich um einen Unterhändler des Gramanen von Mokosch handelte. Und da war viel Gold.
„Montfort, überspannt den Bogen nicht. Ihr sollt nur ein einziges Wesen beseitigen. Mehr nicht.“, stieß der Mann im grünen Umhang wütend aus.
„Mehr nicht? Ach? Dann macht es doch selber. Unsere Ausrüstung ist teilweise magisch, somit also teuer und schwer zu beschaffen. Und das Risiko ist… groß. Dass wisst ihr doch genau. Außerdem sind wir die Besten.“, schnappte der Jäger zurück.
„Ich muss… dazu Rücksprache halten. So schnell geht das nicht. Bleibt bitte noch ein paar Tage hier in der „Zur träumenden Khira“. Dann ließ er den Abenteurer und seine Gruppe in der Taverne stehen.
Montfort verdrehte die Augen und setzte sich wieder zu seinem Bier…

Samita: Brief an Raduna

Liebste Raduna,
Vater sagt, er kann heute keinen seiner Wächter entbehren, um mich die paar Straßen rüber zu Dir zu begleiten. So übe ich wieder die ranabarischen Schriftzeichen und der Hausbote muss herhalten. Aber ein Brief ist immer noch besser, als dass wir gar nichts mehr voneinander hören.
Ich hab zuerst gedacht, die spinnen mit der Ausgehsperre. Bei Dir verstehe ich das noch eher, mit dem Mord an Gorasch und dem ganzen Drumherum.
Du tust mir ja so leid! Ich würde jetzt gerne bei Dir sein und Dir beistehen!

Allerdings glaube ich, was da alle so nervös macht, ist nicht nur das Verbrechen. Du hast doch auch schon von den unheimlichen Vorgängen in der Stadt gehört? Mir sagt ja hier keiner was genaues, aber es muss wirklich grauenvoll sein, was die Leute erleben! Dinge passieren da, die sich keiner erklären kann.
Schreib mir mal, was Du darüber gehört hast.
Und lass mich wissen, wenn ich Dir irgendetwas Gutes tun kann!

Alles erdenkliche Liebe wünscht Dir Deine Freundin
Samita

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Lysander: Schlecht geschlafen

Schlecht geschlafen. Schon wieder! Was ist mit mir los? Es sind sicher nicht die neuen Decken, die ich letzte Woche von Raoche, der treuen Pflegerin meiner Gemächer, erhalten habe. Klar, das Material ist gewöhnungsbedürftig und manchmal etwas kratzig, aber gewöhnlich habe ich einen festen Schlaf und wache nicht siebenmal pro Nacht auf. Außer wenn Raduna neben mir liegt… oder eine andere Besucherin… haha… oder wenn ich arbeite… als Traumwandler. Aber das gehört nicht hierher. Momentan kann ich mich auf so etwas auch gar nicht konzentrieren. Das Ableben des Hirtenjungen macht mir immer noch zu schaffen. Ich weiß, ich bin zu weich für meinen Posten. Zu weich für diese Welt vielleicht. Mitgefühl ist Luxus. In der Politik sowieso.

Aber Mann, ich habe mir meine Herkunft nicht ausgesucht. Manchmal denke ich, dass es der Pöbel draußen einfacher hat. Er muss keine Entscheidungen fällen, höchstens, ob er seine erbärmliche Mahlzeit, die nicht zum Leben und nicht zum Verhungern reicht, mittags oder erst abends einnimmt. Wenn er den Abend noch erlebt. Ich glaube ja immer noch an die Möglichkeit des natürlichen Ablebens. Also ja, er wurde wohl getötet. Ermordet. Aber vielleicht hat das gar nichts mit mir zu tun.

Ein Raubmord? Das klingt nicht wahrscheinlich bei einem Habenichts. Nur, hey, Mörder sind auch nicht immer allwissend. Oder klug. Ich frage mich sowieso, wie Mörder drauf sind. Ich meine, wenn ich schon schlecht schlafe… weil einer gestorben ist, der noch nicht dran war. Wobei, wer bestimmt das überhaupt, wer wann dran ist? Wenn ich bloß an Götter glauben könnte. Wenn das Tempelfest stattfindet, werde ich so viele wie möglich von diesen Kultstätten inspizieren. Wer weiß, vielleicht finde ich ja eine Bindung. Es können ja nicht alle Blender sein?

Erfindungen? Nein, die Macht der Götter habe ich zu oft gespürt. Sie ist anders als die Macht der Träume. Aber sie ist da. Sie kann bedrohlich, tödlich sein. Aber ich glaube, Götter leben von der Energie, die ihnen die Menschen geben. Ob Gorasch einen Gott hatte? Sicher, alle haben einen. Mehr oder weniger. Die Lesvodi sind ja ungewöhnlich, was Götterverehrung angeht. Raduna ist da einfacher gestrickt. Klassisch ranabarisch eben. Hat auch Vorteile. Ich kann ihr imponieren, wenn ich etwas über Jagannatha oder Hanumat weiß. Ich glaube, ich gehe jetzt frühstücken.

Irgendwie habe ich die ganze Zeit so ein Gespenst mit einem Schlüsselbund in meinem Kopf. Keine Ahnung, wo das herkommt. Es zieht eine Fratze nach der anderen und droht mir. Aber es ist sehr blass und verschwimmt mit anderen Träumen.

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Corrvan: Glück eines Barden

Ich wusste, dass es sich lohnt. So viele Goldstücke für ein Lied habe ich lange nicht eingesammelt. Manchmal zahlt es sich aus, wenn man der Schnellste ist, der ein Gerücht in Verse packt. Von diesem Beutel kann ich zwei Monde lang leben. Ich werde auf jeden Fall den ganzen Hafen bespielen, bis die Konkurrenz zu groß wird. Es ist aber auch eine Königs-Geschichte. Lysander, Hochzeit, unglückliche Liebe, Mord, Eifersucht, Verrat, Ränke. HACH! Wenn ich dieses Lied damals an der Schule Syndras erfunden hätte – ich wäre nicht durch die erste Prüfung gefallen. Durch gar keine. Ich wäre vielleicht der Leiter der Schule. Was soll’s. Vielleicht hänge ich noch ein paar Strophen dran. Vielleicht mit Gorasch. Er könnte vielleicht gar nicht richtig tot sein, sondern irgendwie verflucht. Und sein ruheloser Geist könnte Lysander heimsuchen. Das wäre doch ein Drama. Mal sehen, wie ich es in Worte fasse. Ich glaube, ich werde auf meine alten Sängertage noch berühmt. Vielleicht lädt Lysander mich zu einem Wettstreit. Haha, manchmal geht die Phantasie mit mir durch.

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Thialar: Rechfertigung

Er ist so intelligent und hat ein so gutes Herz. Und doch ist er so naiv. Es ist meine Schuld. Ich habe vieles all die Jahre nicht an ihn rangelassen. Ich glaube, ich wollte nicht, dass er erwachsen wird. Aus Eigennutz? Wollte ich wirklich die Macht, die ich habe, für mich selbst? Habe ich ihn ausgenutzt? Seit Jahrzehnten frage ich mich das und komme zu keiner Antwort. Vielleicht will ich die Antwort gar nicht. Es ist Bestimmung. Bestimmung, dahinter kann man sich immer verbergen. Sie leitet uns durch schwere Entscheidungen. Sie lässt uns nichts hinterfragen. Und sie macht uns eine Spur entschlossener. Lysanders Bestimmung ist die Hochzeit mit Raduna, da bin ich immer noch sicher. Er hat lange genug gewartet. Ich weiß, dass Frauen ihn reizen, aber er hat sich nie dauerhaft auf eine eingelassen. Warum auch immer. Er ist verspielt. Und er hat Angst vor großen Veränderungen. Komisch, dass er so anders ist, wenn er die Karagh um sich hat. Vielleicht ist er gar nicht von dieser Welt und fühlt sich unwohl auf ihr. Oder auch das liegt an mir. Es ist verrückt, wenn man jemanden als kleines Kind betreute und der Jemand inzwischen fast alt ist und man ihn immer noch nicht komplett versteht.

Aber was verstehe ich schon komplett? Was versteht überhaupt irgendwer komplett? Ich glaube, nicht mal Götter oder Volkhvy sind so vollständig. Ich muss mich darauf konzentrieren, das zu leiten, was ich verstehe und den Rest zu erahnen, wenn es an der Zeit ist. Jetzt ist es erst mal an der Zeit, den Tod des Gorasch so bedeutungslos wie möglich zu machen. Hätte ich eine Wahl gehabt? Er wäre immer in Radunas Leben gewesen, selbst wenn sie sich für Lysander entschieden hätte. Er hätte gestört…früher oder später. Das weiß ich. Dafür habe ich schon zu viele überleben lassen von seiner Art. Leben ist endlich, aber manchmal kommt einem das Leben anderer unendlich vor. Gut, wenn man den Einfluss hat, das zu ändern.

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Gorasch: Erwacht in Verdammnis

Goraschs Augen gewöhnten sich nur langsam an den kalten Dunst. Er schaute sich um… dann an sich hinab. Dann bemerkte er seine eigene nebelhafte Gestalt, die über dem Boden schwebte. Betäubt nahm er wahr, dass diese… rätselhaft durchscheinend zu sein schien, in fadenscheinige, bleiche Kleidung gehüllt. Langsam erinnerte er sich an seine letzten Momente. Wie sich eine Hand auf seinen Mund gelegt hatte, wie eine scharfe Klinge seinen Hals berührte. Wie er gurgelnd an seinem eigenen Blut ertrank. Wie der Schmerz dann nachließ. Er fürchtete sich jetzt und sein Zittern ließ einen Schlüsselbund bedeutungsvoll erklingen, welcher jetzt an seinen Gürtel hing.

Gorasch hatte, obwohl jung an Jahren, die Ahnen stets in Ehren gehalten. Wie oft hatte er ihnen Opfergaben dargebracht und die Traditionen gewahrt, wie es ihn der Schamane gelehrt hatte? Um ganz sicher zu gehen, hatte er Raduna zuliebe auch vor den vielen kleinen Schreinen in den Straßen den ranabarischen Göttern gedacht. War das ein Fehler gewesen? Hatte er die Ahnen erzürnt? Sah so der Tod aus?

Der Blick vor seinen Augen klärte sich langsam. Es war seltsamerweise schon Nacht… und er erkannte… das Haus von Raduna im fahlen Licht der Monde.

Voller Schrecken sah er sich um und der Schüsselbund erklang erneut…

Hatte Raduna etwa recht behalten? Wartete hier der ranabarischen Gott Jagannatha, Dämonenvernichter und Welterhalter auf ihn? Aber sollte er dann nicht vor Varuna, dem Richter über Gut und Böse gestanden haben? Oder wenigstens von der grausamen Todesgöttin Durga begleitet worden sein? Was war das hier? Steckte er auf dem Weg zu den Ahnen… irgendwo fest?

Auf der Straße vor dem Haus seiner Geliebten? Offenbar als ein verdammtes Gespenst?

„Oh meine geliebte Raduna… „, dachte er verzweifelt an sein Mädchen.

Jetzt war alles verloren… Ihm wurde klar, dass jenes Messer, das ihn niederstreckte, einem der Meuchelmörder von Lysander gehören musste. Der edle Graman der prächtigen Stadt Mokosch, Fürst des Landes Lesvod, hatte ihn, einen armen Hirtenjungen, aus dem Weg räumen lassen. Er war für ihn ein Nichts. Und Gorasch in seiner Treue war gestorben für sein Mädchen. Für seine Raduna. Seine aufrichtige Liebe. Und nun gehörte sie diesem reichen Pfau. Erst überfiel ihn tiefe Trauer… doch dann stieg Wut in ihm auf. Warum hatte das Schicksal ihn so bestraft? Wie hatte er nur den Zorn der Götter auf sich gezogen? Warum nur als Gespenst?

Doch dann wurde es ihm klar… und er nahm sein Verhängnis an.

Wenn er schon mit diesem Unsegen weiter existieren musste, dann würde er das Beste daraus machen. Und er würde sich an Lysander grimmig rächen. Würde ihn nun des nächstens heimsuchen und drangsalieren. Doch als er dann wieder an seine hübsche Raduna denken musste, verflog der Groll. Ja, er würde sie wiederbekommen. Liebe war stärker als der Tod. Davon war er überzeugt.

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